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Krebecker Satelliten-Heizzentrale: In den Heizzentralen in Wollbrandshausen und Krebeck sind jeweils zwei BHKW (Zündstrahlmotoren) mit je 250 kW Leistung installiert.


Gut für die Gemeinde

2008 beschlossen Wollbrandshausen und Krebeck, zwei Dörfer im südöstlichen Niedersachsen, eine gemeinsame Biogasanlage zu bauen und somit ihre Ortschaften energetisch auf eigene Beine zu stellen. Wie das funktionieren kann, zeigte schon das bundesweit erste Bioenergiedorf Jühnde, das ebenso wie Wollbrandshausen und Krebeck im Landkreis Göttingen liegt. Der Unterschied: Im Gegensatz zu Jühnde versorgt hier die im Juni 2010 in Betrieb gegangene Biogasanlage gleich zwei Ortschaften.

Dabei ist die Anlage auch wirtschaftlich gesehen sehr rentabel: Fünf neue Arbeitsplätze sind entstanden, die Wertschöpfung aus der Landwirtschaft wird vor Ort gehalten und nach anfänglichen Verlusten können auch bald die ersten Gewerbesteuern an die Gemeinde gezahlt werden.

Nachdem Jühnde 2005 erfolgreich ans Netz ging, entschied sich der Landkreis Göttingen, weitere Bioenergiedörfer auf den Weg zu bringen. Bewerberdörfer mit den größten Erfolgsaussichten sollten mit einer Machbarkeitsstudie im Wert von 50.000 Euro gefördert werden. Josef Sorhage, Bürgermeister in Krebeck, sah in einer Biogasanlage die Chance, ein Alleinstellungsmerkmal für das Dorf zu finden, das sowohl die Lebensqualität als auch die Identifikation mit dem Ort erhöht. Das Bioenergiedorf Jühnde nahm dabei eine Vorbildfunktion ein, allerdings waren sich die Initiatoren von Beginn an darüber im Klaren, dass Fördermittel in dem selben Umfang wie für Jühnde nicht zur Verfügung stehen würden.

Rohstoffpreise gefährdeten Umsetzung

Arbeitsgruppen wurden gegründet, an vielen Abenden Daten zusammengetragen, über mögliche Betriebskonzepte sinniert und Zahlenkolonnen zusammengestellt. Neben Josef Sorhage gehörte auch Karl Heine, heute Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer der Bioenergieanlage, zu den Leuten der ersten Stunde. Dabei gab es nicht nur Befürworter. Aber mit dem Argument »Die Preise für Energie aus Biomasse gestalten wir selber, der Preis für Öl und Gas wird woanders bestimmt« wurden auch die Skeptiker überzeugt. Außerdem konnte man die Kritiker, die die grundsätzliche Funktionsfähigkeit einer Biogasanlage anzweifelten, auf das Beispiel des ersten Bioenergiedorfes Jühnde in der unmittelbaren Umgebung verweisen.

Krebeck und der Nachbarort Wollbrandshausen schafften es schließlich in die Endrunde der Ausschreibung. Die kompakte Dorfstruktur, die engagierte Dorfbevölkerung und die intakte Landwirtschaft boten günstige Voraussetzungen. Doch dann folgte ein Rückschlag: Da die Agrar-Rohstoffe zur Zeit der Machbarkeitsstudie Ende 2007 extrem teuer waren und der Stahlpreis die Baukosten zusätzlich in die Höhe trieb, drohte der Traum vom Bioenergiedorf in beiden Dörfern zu platzen – das Projekt schien nicht profitabel.

Ab 2008 sanken jedoch sowohl die Rohstoffpreise als auch die Baukosten. Und da in den Gesprächen zwischen Krebeck und Wollbrandshausen mittlerweile auch die Weichen für eine einzige, gemeinsame Biogasanlage gestellt wurden, ging plötzlich alles ganz schnell: Genossenschaftsgründung mit 251 Mitgliedern, Änderung des Flächennutzungsplans, Aufstellung des Bebauungsplans, Baubeginn.

Ende 2009 ging die zwölf Millionen Euro teure Anlage, die zwischen den beiden Ortschaften liegt und eine elektrische Leistung von 1,8 MW liefert, schließlich in Betrieb. Der Strom wird ins öffentliche Netz eingespeist, die Wärme vor Ort genutzt. Mitglieder zahlen jährlich 500 Euro Grundgebühr und sieben Cent pro Kilowattstunde Wärme; zudem müssen sie mit fünf Anteilen zu je 500 Euro an der Genossenschaft beteiligt sein.

Nahwärmenetz durchzieht zwei Dörfer

Über ein zehn Kilometer langes Nahwärmenetz, das Krebeck und Wollbrandshausen durchzieht, werden seit 2010 die 260 Wärmekunden versorgt. Neben den Blockheizkraftwerken, die in den Dörfern stehen und bis –2 °C Außentemperatur verlässlich die Wärmeversorgung sicherstellen, werden zwei zusätzliche Gasbrenner vorgehalten, die Spitzenlasten bei noch tieferen Temperaturen abdecken und zudem bei Ausfällen bereitstehen sollen. Für die Anlage liefern acht Landwirte Gülle und 30 Landwirte liefern die jährlich benötigten 30.000 Tonnen Mais, die auf 500 Hektar Fläche wachsen.

Dennoch gilt es weiterhin, Überzeugungsarbeit zu leisten, denn mit 260 Nahwärmekunden sind nicht alle der 400 Haushalte in Krebeck/Wollbrandshausen an das Netz angeschlossen. Die Argumente der Bewohner, sich gegen einen Anschluss ans Nahwärmenetz zu entscheiden, sind vielfältig, weiß Vorstand Thorsten Freiberg. Die einen haben gerade eine neue Heizung eingebaut, die anderen sind gegen Maisanbau. Wieder andere haben im Neubaugebiet ihre neue Heizung rausgeworfen, um bei dem Projekt dabei zu sein. Und es gab den typischen Fall vom »demografischen Wandel« – gemeint sind ältere Hauseigentümer, deren Kinder nicht mehr in der Region leben und die nicht wissen, was später einmal mit dem Haus passieren soll. Am Ende konnten sich

einige bislang zwar noch nicht für einen Anschluss entscheiden, sie haben sich aber vorsorglich einen Blindanschluss legen lassen.

Solch ein großes Projekt beherbergt immer auch verschiedene Interessen. Die Entscheidungs- und Führungspositionen sind daher höchst demokratisch besetzt: Karl Heine aus Krebeck steht als zweiter Vorstand Thorsten Freiberg aus Wollbrandshausen zur Seite, die zehn Mitglieder des Aufsichtsrates sind die Führungskräfte der einstigen Initiativ-Arbeitsgruppen und stammen gleichwohl aus beiden Dörfern. Das Genossenschaftsmodell ist das basisdemokratische Modell, bei dem jede einzelne Person eine Stimme hat. Und obwohl bei solch einem Projekt auch die Gefahr besteht, dass es die Einwohner spaltet, ist in Krebeck/Wollbrandshausen das Gegenteil passiert – es hat beide Dörfer näher zusammenrücken lassen. Außerdem hat das Projekt auch zu einem Zusammenhalt und einer Zusammenarbeit zwischen den Landwirten aus beiden Orten geführt, die es zuvor nicht gegeben hatte.

Neue Geschäftsfelder

Die Ernte der Biomasse – ein Kraftakt von immerhin 14 Tagen – und auch die jährliche Wärmeabrechnung haben sich mittlerweile eingespielt. Ein Grund zum Stehenbleiben ist das freilich nicht: Mittlerweile liegen Pläne in der Schublade, die Biogasanlage zu erweitern und entweder Biogas aufzubereiten und ins Erdgasnetz einzuspeisen oder gar Wärme-Contracting anzubieten. Bei diesem Geschäftsmodell stellt beispielsweise ein Contractor, also das Wärmeversorgungsunternehmen, Hauseigentümern eine Zentralheizung zur Verfügung oder übernimmt die Modernisierung der vorhandenen Heizungsanlage. Das Unternehmen erhält dafür das Exklusivrecht für die Versorgung mit Heizwärme. Energiedienstleistungen wie diese werden womöglich dazu führen, dass der ländliche Raum künftig den Städten regenerative Energien zur Verfügung stellt. So produziert die gemeinsame Biogasanlage bereits heute drei bis vier Mal so viel Strom, wie die beiden Dörfer eigentlich benötigten.